Die Totenlache

Nahe bei Rappelsdorf, zwischen Schleusingen und Kloster Veßra, liegt ein der Sage nach unergründliches tiefes mit Wasser gefülltes Loch, über 400 Schuh lang und gegen 100 Schuh breit, merkwürdig und verrufen beim Volk der ganzen Umgegend und die Totenlache genannt. Dieser Name rührt ursprünglich daher, dass die Rappelsdorfer ihre Verstorbenen, die in Schleusingen beerdigt wurden und gewöhnlich bis an diese Lache mit Leichenbegleitung getragen wurden, begleiteten. Das Wasser ist außerordentlich hell und klar, friert niemals ganz zu, steht in unterirdischer Verbindung mit Höhlen und Klüften des nahen Berges, besonders mit einem Brunnen im Bärengraben, wie durch dort hineingeworfene leichte Körper, die in der Lache zum Vorschein kamen, erforscht sein soll und wird von Jahr zu Jahr größer. Alte Leute haben erzählt, dass kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg und besonders vor dem kroatischen Einfall in Schleusingen Wassermenschen aus der Lache hervorgegangen und unterschiedlich gesehen worden seien.

Einstmals geschah es, dass aus der Totenlache eine Nixe herauskam, anzusehen wie ein junges schlankes Mägdelein. Um den Hals trug sie ein schwarzes Nüsterband, um den Leib ein schuppiges Mieder, so seegrün wie das Wasser der Lache, mit einem roten Busentuch und vorgestecktem Perlenstrauß. Um die Lenden schlang sich ein scharlachroter Schurz, hintennach schleifte sie aber einen hässlichen Fischschwanz. Auf der Hudelburg oder Ruderburg, einem Wirtshaus unweit Rappelsdorf, wurde soeben ein Hochzeitstanz gehalten. Dort eilte flugs das Nixlein hin, setzte sich hinter den Tisch zu einem frischen Junggesellen, der lange Frieder gehießen und trieb mancherlei Kurzweil mit ihm, der sie bald lieb gewann, tanzte auch fröhlich mit ihm um die Linde.

Dabei vertraute sie ihm manches an, unter anderem auch, dass sie gar zu gerne seine Braut wäre und herzte und küsste ihn. Darüber kam der Abend herbei und die Nacht, und nun sprach das Nixlein weinend zu seinem Frieder:“ Nun muss ich von dir scheiden und wieder in jenes Wasser hineingehen, wo ich wohne. Zu lange bin ich schon hier geblieben bei dir, mein Geliebter, und da ich gegen meines Vaters Gebot hierher gekommen bin, werde ich wohl die hier genossene Luft mit dem Leben büßen müssen. Wie weh tut mir der Abschied! Lebe wohl und gehe morgen hin zur Lache! Findest du sie hell und grün, so lebe ich; findest du sie aber bleich und totenfarben, so ist`s vorbei mit mir.“ Sie gab ihm einen Kuss und entwich. Am anderen Morgen ging der Frieder eilends hin zu dem kleinen See und fand ihn bleich und blutig. Voll Sehnsucht und Liebesgram sprang er hinein in die Totenlache, um sich durch den Tod mit der geliebten Nixe zu vereinen.